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Symposium "Salafismus & Islamfeindlichkeit" am 29. April 2015

Der Niedersächsische Verfassungsschutz hat am 29. April 2015 sein 10. Symposium mit dem Thema: „Salafismus & Islamfeindlichkeit – Aktuelle Zusammenhänge zwischen zwei Extremismusformen“ veranstaltet.

Innenminister Boris Pistorius und Verfassungsschutzpräsidentin Maren Brandenburger konnten mehr als 250 Gäste im Alten Rathaus in Hannover begrüßen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus den Bereichen Verfassungsschutz, Polizei, Justiz, Politik, Ministerien, Kommunen, politische Bildung und der zivilen Gesellschaft.

Niedersachsens Minister für Inneres und Sport, Boris Pistorius, betonte zu Beginn der Veranstaltung, der Salafismus sei eine menschenverachtende und intolerante Ideologie. Unter den vier Millionen Muslimen, die in Deutschland lebten, würden Salafisten nur eine kleine Minderheit ausmachen, sie dürften daher keinesfalls mit der gesamten Religion gleichgesetzt werden – so, wie es Islamgegner zuletzt immer wieder versucht hätten. „Trotz aller Unterschiede haben Salafisten und diejenigen aus der Mitte unserer Gesellschaft, die gegen den Islam Stimmung machen, damit eines gemeinsam: Beide Gruppen stellen sich gegen eine offene und tolerante Gesellschaft, gegen die Grundwerte unserer freiheitlichen Demokratie. Und das dürfen wir auf keinen Fall hinnehmen oder zulassen“, so Minister Pistorius.

Die niedersächsische Verfassungsschutzpräsidentin Maren Brandenburger machte in ihrer Rede auf die besondere Bedeutung des Internets für die Verbreitung salafistischer Botschaften aufmerksam. „Das Internet ist das erste Massenmedium, das Extremisten für ihre Zwecke nutzen können. Sie tun dies in exzessiver Weise. Sadistische Enthauptungsvideos und andere Propagandavideos tragen die Botschaften der Salafisten in Syrien und im Irak in weit entfernte Länder, über das Internet verbreitete Anleitungen zur Herstellung von Bomben oder zur Begehung von Gewalttaten animieren den potentiellen Attentäter. Hasspredigten und Kampfgesänge dienen via Netz der ideologischen Aufrüstung. Eines kann als sicher gelten: Ohne die Möglichkeiten des Internets hätte der Salafismus seine Werbewirksamkeit unter jungen Menschen in westlichen Ländern nicht entfalten können. Folglich muss sich die Präventionsarbeit im Bereich des Salafismus in besonderer Weise mit den Internetdarstellungen auseinandersetzen“, so die Präsidentin.

Diese Erkenntnisse setze der Niedersächsische Verfassungsschutz seit einiger Zeit in seiner täglichen Arbeit um. Das Internet habe aber nicht nur für die Verbreitung salafistischer Botschaften eine zentrale Bedeutung, sondern auch für das Schüren einer islamfeindlichen Stimmung. Islamfeindliche Kundgebungen wie die Serie der Pegida-Veranstaltungen oder die Demonstrationen der Hooligans gegen Salafisten (HoGeSa) wären ohne die Werbung und die Mobilisierung über das Internet in dieser Form nicht möglich gewesen. In den einschlägigen Internet-Foren vermischten sich bürgerliche Ressentiments mit rechtsextremistischer Kommentierung. Dies führe auch zu Veränderungen in den Erscheinungs- und Propagandaformen des Rechtsextremismus. Brandenburger wies darauf hin, dass die Internetauswertung und die damit zusammenhängende Schulung und Ausstattung der Mitarbeiter mittlerweile für die Arbeit des Verfassungsschutzes deutlich an Bedeutung gewonnen habe.

Sowohl Pistorius als auch Brandenburger betonten in ihren Reden: „Eines ist in der Auseinandersetzung mit dem Salafismus ganz wichtig: Auf keinen Fall darf diese Auseinandersetzung dazu führen, dass ein Generalverdacht gegen Bürger muslimischen Glaubens entsteht. Das wäre fatal.“

Der Islamwissenschaftler am Institut für Orientalistik der Universität Wien, Prof. Dr. Rüdiger Lohlker, wies in seinem Gastvortrag u. a. auf die beunruhigende Entwicklung in den dschihadistischen Subkulturen hin. Es würden zunehmend gerade junge Frauen einbezogen. „ Die systematische Rekrutierung junger Frauen ist ein Novum. Während die historische al-Qa'ida die Einbindung von Frauen und insbesondere Ehefrauen zwar immer akzeptiert hat, aber kaum propagiert hat, zeichnet sich seit 2011 eine neue Entwicklung ab. Recht früh ist vom Islamischen Staat Iraq, also der Vorläuferorganisation des IS, bereits eine Frauenbrigade mit Namen ‚al-Khansa' vorgestellt worden. Auch wurden online Bilder von Frauen gepostet, die in kämpferischen Posen abgebildet wurden.“

Mit der Entwicklung des Krieges seien Videos von Frauen in kämpferischer Aktion immer sichtbarer geworden. Dabei handele es sich in erster Linie um Frauen aus dem Kontext der Freien Syrischen Armee bzw. anderer Gruppen. Schon seit Längerem seien Frauen immer wieder unterstützend in logistischer Tätigkeit aktiv, sei es durch Schmuggel von Waffen(teilen), Pflege von Verwundeten oder den Transport anderer Güter. Dies werde auch in al-Qa'ida-nahen Kreisen akzeptiert.

„In merkwürdiger Koinzidenz hat dann Syrien bzw. Irak als Reisedestination für junge Frauen aus Europa (aber auch aus der arabischen Welt) an Attraktivität gewonnen. Hier scheint es legitim, von Verführung zu sprechen, betrachten wir entsprechende Berichte oder Onlinekommunikationen, die den Eindruck einer Jungmädchenschwärmerei für starke Männer (= Mudschahidin) vermitteln, kombiniert mit einer Abenteuerlust und – dies mag vielleicht verwundern – einem Streben nach eigenständiger Aktivität“, führte Lohlker weiter aus.

Eine neuere Entwicklung sei zudem, dass IS/Da'ish-Werber Frauen im Internet umwerben, die u. a. eine medizinische Ausbildung haben, um sie zur Reise in das IS-Gebiet zu überreden. Entsprechende Berichte gebe es aus Tadschikistan, aber auch von einer malayischen Bloggerin (bird of Jannah), die ausgebildete Ärztin zu sein scheint.

„Diese mehrfach gestaffelte Attraktivität des Dschihadismus für hauptsächlich junge Frauen ist eines der wichtigsten neuen Phänomene“, so Prof. Dr. Lohlker.

Am Nachmittag folgten Workshop-Angebote, deren Ergebnissen in den nächsten Tagen auf unserer Internetseite veröffentlicht werden.

Workshop 1 zum Thema „Islamfeindlichkeit“

Prof. Dr. Detlef Pollack von der Universität Münster zusammen mit Herrn Dr. Sven Schönfelder vom Niedersächsischen Verfassungsschutz.

Workshop 2 Thema: „Salafismus im Internet“

Sindyan Qasem vom Verein ufuq e.V. aus Berlin gemeinsam mit Herrn Mark Schonnop, einem der Islamwissenschaftler des Niedersächsischen Verfassungsschutzes. Der Berliner Verein ufuq befasst sich überwiegend mit den Themen Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft.

Workshop 3 Thema: „Umgang mit Syrienrückkehrern“

Florian Endres vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und Philip Frank vom Landeskriminalamt Niedersachsen.


Workshop 4 Diskussionsrunde zum Thema: „Islamismusbegriff

Dr. Sadiqu Al-Mousllie vom Zentralrat der Muslime in Deutschland, Dr. Michael Kiefer von der Universität Osnabrück und Vera Kleine, Referatsleiterin Islamismus im Niedersächsischen Verfassungsschutz.
Moderation: Düzen Tekkal, Journalistin


An dieser Stelle möchten wir Sie auch auf das 12. Symposium des Bundesamtes für Verfassungsschutz vom 04. Mai 2015 in Berlin zum Thema "Islamistischer Terrorismus in Europa" hinweisen.


Minister Pistorius bei seinem Grußwort beim Symposium "Salafismus & Islamfeindlichkeit" am 29. April 2015  
Minister Pistorius bei seinem Grußwort beim Symposium "Salafismus & Islamfeindlichkeit" am 29. April 2015
Verfassungsschutzpräsidentin Brandenburger bei der Eröffnung des Symposiums "Salafismus & Islamfeindlichkeit" am 29. April 2015  
Verfassungsschutzpräsidentin Brandenburger bei der Eröffnung des Symposiums "Salafismus & Islamfeindlichkeit" am 29. April 2015
Hauptredner Prof. Dr. Rüdiger Lohlker beim Symposium "Salafismus & Islamfeindlichkeit" am 29. April 2015  
Hauptredner Prof. Dr. Rüdiger Lohlker beim Symposium "Salafismus & Islamfeindlichkeit" am 29. April 2015
Moderator Horst Lahmann (Nds. Verfassungsschutz) beim Symposium "Salafismus & Islamfeindlichkeit" am 29. April 2015  
Moderator Horst Lahmann (Nds. Verfassungsschutz) beim Symposium "Salafismus & Islamfeindlichkeit" am 29. April 2015
Wolfgang Freter (Nds. Verfassungsschutz) beim Symposium "Salafismus & Islamfeindlichkeit" am 29. April 2015  
Wolfgang Freter (Nds. Verfassungsschutz) beim Symposium "Salafismus & Islamfeindlichkeit" am 29. April 2015
Daniela Schlicht (Nds. Verfassungsschutz) beim Symposium "Salafismus & Islamfeindlichkeit" am 29. April 2015  
Daniela Schlicht (Nds. Verfassungsschutz) beim Symposium "Salafismus & Islamfeindlichkeit" am 29. April 2015
Publikum beim Symposium "Salafismus & Islamfeindlichkeit" am 29. April 2015  
Publikum beim Symposium "Salafismus & Islamfeindlichkeit" am 29. April 2015
Landtagsabgeordnete zu Gast beim Symposium (v.r.n.l.): Minister Boris Pistorius, Anja Piel, Ulrich Watermann, Immacolata Glosemeyer  
Landtagsabgeordnete zu Gast beim Symposium (v.r.n.l.): Minister Boris Pistorius, Anja Piel, Ulrich Watermann, Immacolata Glosemeyer
Präsidenten der Polizeidirektionen Göttingen (Robert Kruse), Zentrale Polizeidirektion (Uwe Lührig) und Braunschweig (Michael Pientka)  
Präsidenten der Polizeidirektionen Göttingen (Robert Kruse), Zentrale Polizeidirektion (Uwe Lührig) und Braunschweig (Michael Pientka)
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