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Islamische Gemeinschaft Milli Görüs e.V. (IGMG)

Mit rund 31.000 Mitgliedern bundesweit, davon ca. 2.600 in Niedersachsen, ist die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) mit Stand 31.12.2013 die größte islamistische Organisation in Deutschland. Als legalistisch-islamistische Organisation ist die IGMG bestrebt, ihre Ziele innerhalb des vom Staat vorgegebenen rechtlichen Rahmens durchzusetzen und lehnt Gewalt kategorisch ab. Die Charakterisierung der IGMG als islamistische Großorganisation ist allerdings insofern zu relativieren, als zunehmend weniger Anhaltspunkte für extremistische Aktivitäten und Positionen der IGMG vorliegen.

Die IGMG ist als Massenorganisation ein Sammelbecken ganz unterschiedlicher religiöser und politischer Positionen. Mit abnehmender Tendenz sind die Mitglieder der IGMG dem extremistischen Spektrum zuzuordnen. Viele moderat eingestellte Muslime und Anhänger eines eher unpolitischen türkisch-orthodoxen Volksislams sind in der IGMG aktiv. Darüber hinaus zeichnet sich seit einigen Jahren bei Führungsfunktionären der IGMG ein Reformkurs ab, der dafür spricht, dass die IGMG als Gesamtorganisation nicht mehr eindeutig dem islamistischen Spektrum zugeordnet werden kann. Anders als von Necmettin ERBAKAN (s. u. „Ideologische Wurzeln“) propagiert, vertritt die IGMG heute – wie auch die große Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime – öffentlich die Position, dass die Scharia nicht politisch, sondern ausschließlich religiös bzw. als Orientierung für die individuelle Lebensführung des einzelnen Muslims zu verstehen sei. Innerhalb der IGMG setzen sich zunehmend diejenigen Funktionäre durch, die sich gegenüber der türkischen Milli Görüs-Bewegung emanzipieren und sich primär auf die Belange der Muslime in Deutschland fokussieren. ERBAKAN wird von ihnen eher aus traditionellen Gründen verehrt und nicht so sehr als religiös-politisches Idol.

Im Laufe des Jahres 2014 haben sich die regionalen Unterschiede der Organisation in Bezug auf die Verfolgung der Milli Görüs-Ideologie weiter verstärkt. Es ist auch für Niedersachsen zu beobachten, dass die ERBAKAN-treuen Kräfte sich zunehmend in anderen Gruppierungen wie der Saadet Partei (SP), der Erbakan-Stiftung und der „Ismail Aga Cemaati“ (IAC) sammeln, die ebenfalls der Milli Görüs-Bewegung zuzuordnen sind. In Niedersachsen wird deshalb geprüft, ob noch tatsächliche Anhaltspunkte feststellbar sind, die bei der IGMG Niedersachsen Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung belegen.

Ideologische Wurzeln

Die ideologischen Wurzeln der IGMG liegen in der von dem türkischen Politiker Necmettin ERBAKAN (gestorben 27.02.2011) Ende der 1960er Jahre gegründeten Milli Görüs-Bewegung. ERBAKAN strebte die Schaffung einer neuen Großtürkei in Anlehnung an das Osmanische Reich bei gleichzeitiger Abschaffung des Laizismus an. In seiner Ideologie verknüpfte ERBAKAN islamistische mit türkisch- nationalistischen Elementen. Gemäß der Ideologie ERBAKANs stehen sich in jeder Epoche gegensätzliche Zivilisationen unversöhnlich gegenüber, die entweder auf „gerechten“ („Adil Düzen“) oder auf „nichtigen Ordnungen“ („Batil DÜZEN“) beruhen. Gerecht seien nur diejenigen Ordnungen, die auf göttlicher Offenbarung basierten. Nichtig seien dagegen alle Ordnungen, die von Menschen erdacht worden seien. ERBAKAN zufolge dominiere mit der westlichen Zivilisation eine „nichtige“, auf von Menschen geschaffenen und damit willkürlichen Regeln beruhende Ordnung, welche durch ein islamisches System ersetzt werden müsse. Die Grundlage dieser islamischen Ordnung müsse die Scharia sein, wobei ERBAKAN die Scharia nicht nur als Leitfaden für die individuelle Religionsausübung, sondern auch als verbindliches politisches Programm verstand.
Logo der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG)
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